Kultur und Gesellschaft

 

"Die Aufklärung"

 

Dr. Gerd Hofmann

Vortrag am 28. Januar 2004, DTSK - TAKDEN, Essen

 

Skriptum des Vortrages „Aufklärung“

gehalten von Dr. Gerhard Hofmann

am 28. 02. 2004 im Deutsch-Türkischen Sprach- und Kulturinstitut

in Essen

  

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

ich danke Ihrem Institut für die Einladung und freue mich, zu Ihnen über ein Thema sprechen zu dürfen, das mich seit langem beschäftigt. Ich bin kein Berufsphilosoph, sondern habe Wirtschaftswissenschaften studiert. Gleichwohl liegt mir an dem Thema sehr viel. Dies hat einen Grund, der mit meiner persönlichen Vergangenheitserfahrung zu tun hat.

 

Ich möchte mit einer Überlegung beginnen, die mit dieser Erfahrung zusammenhängt. Es ist die Frage "Wem gehört ein Mensch? Gehört er seinem Schöpfer, seinem Land oder sich selbst?" Wir können es uns leicht machen und antworten "Allen  dreien". Aber es gibt, je nach gesellschaftlichem Umfeld und persönlichen Überzeugungen, unterschiedliche Prioritäten. Die wurden im nationalsozialistischen Deutschland rigoros mit dem Schlagwort formuliert "Du allein bist nichts, Dein Volk ist alles". Nach dem Untergang dieses menschenverachtenden Regimes lernte ich als junger Mann um, erlebte mit Staunen und dann mit Bewunderung, was Demokratie und persönliche Freiheit und die Rechte des Individuums sind. Ich verstand auch, dass diese Errungenschaften ohne die Denker und politischen Vollstrecker der Aufklärung nicht zustande gekommen sein konnten.

 

Gerade diese Erfahrung war es, die mich bei der Rezeption dieser Pholosophie sensibiliert hat. Heute, zweihundert Jahre nach dem großen deutschen Aufklärer Immanuel Kant, gibt es mehr oder weniger seriöse Kritiken aus ganz verschiedenen Motiven und Richtungen. Hat es diese gewaltige geistige Strömung, die unser westliches Europa und Nordamerika geprägt hat, verdient, gescholten zu werden für Verwerfungen, die zwar durchaus problematisch, ihr aber vielleicht garnicht zuzurechnen sind? Dazu möchte ich meine Gedanken vortragen.

 

Die Kritiken finden sich in drei Bereichen, nämlich

·                     dem kirchlich-religiösen

·                     dem sozial-ethischen

·                     dem ökonomischen.

 

Dass eine kritische, ablehnende Haltung von kirchlicher Seite kommt, ist seit Jahrhunderten bekannt und nicht verwunderlich. Die römisch-katholische Kirche hat die Säkularisierung, die sie nicht zu Unrecht der Aufklärung anlastet, bis heute nicht verwunden. Dabei empfindet sie diesen Stachel wahrscheinlich nicht nur deshalb schmerzlich, weil Ihre materiellen Besitztümer verweltlicht wurden. Sie beklagt, dass seitdem nicht mehr ihr Dogma im Mittelpunkt des Menschen steht, sondern dieser selbst mit seiner individuellen Persönlichkeit, welche nach ihrer Meinung die richtigen Wertmaßstäbe verloren habe.

 

Die sozial-ethische Kritik vertritt die These, die Aufklärung habe die Menschen nicht verändert, sondern in ihren verwurzelten Eigenschaften belassen. HIer wird das seit biblischen Zeiten, seit Kain und Abel evidente Böse im Menschen angesprochen. Die Aufklärung sei trotz der Einleitung humanitärer, sozialer und politischer Reformen - wichtig scheint mit hier das Wort „Einleitung" - an der Überschätzung der menschlichen Vernunft gescheitert. Es sei ihr nicht gelungen, ihre Programme in politisches Handeln umzusetzen.

 

Die an dritter Stelle genannte ökonomische Kritik begegnet uns in den letzten zehn oder zwanzig Jahren besonders heftig, wobei zuweilen unsere moderne Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung überhaupt in Frage gestellt wird. Es ist die Kapitalismuskritik. Sie wird uns gewaltsam verdeutlicht durch den gegenwärtigen internationalen Terrorismus. Aber sie entsteht auch aus anderen Quellen, oft in beschwörenden Worten aus dem Mund gescheiter Leute unserer wohlhabenden westlichen Welt. Sie artikuliert sich zum Beispiel in einem Vortrag eines so prominenten Schweizer Autors wie Max Frisch, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, mit dem provokanten Titel "Am Ende der Aufklärung steht das Goldene Kalb." Seine Betrachtung ist keine Diskreditierung, sondern ein ausgewogener Versuch, das Scheitern der Aufklärung, wie er es nennt, anhand des späteren Zeitgeschehens zu begründen, wenn auch mit einem unverkennbaren Unterton des Bedauerns. Er nennt als Beispiele für Defizite, dass die Naturwissenschaft nicht immer die Grenze der Vernunft eingehalten und die Technologie manches herbeigeführt habe, dem wir ohnmächtig gegenüberstehen. Die Gesellschaft habe nunmehr die Maxime, dass vernünftig sei, was sich rentiert. So stehe am Ende der Aufklärung nicht der mündige Mensch, sondern das goldene Kalb.

 

Es würde den Rahmen meines Vortrages sprengen, wenn ich das Thema philosophie-geschichtlich abhandeln wollte. Nur ein paar bibliographische Hinweise aus der riesigen Menge an Literatur möchte ich geben. Ich möchte das Standardwerk von Max Horkheimer und Theodor Adorno "Die Dialektik der Aufklärung", erstmalig erschienen im Jahr 1947, nennen. Wer sich dafür interessiert, aber gleich eine komprimierte Würdigung dieses Buches kennen lernen möchte, möge den Aufsatz von Alfred Schmidt lesen, der 1986 unter dem Titel "Aufklärung und Mythos im Werk Horkheimers" erschienen ist. Alfred Schmidt hatte bis zu seiner Emeritierung vor wenigen Jahren den Frankfurter Lehrstuhl Horkheimers inne. Aus unserer jüngsten Zeit stammt das Buch des amerikanischen kürzlich verstorbenen Medienwissenschaftlers Neil Postman "Die zweite Aufklärung"; seine sehr eingängige und eindringliche Lektüre ist sehr zu empfehlen.

 

Ich möchte nun versuchen, als interessierter Zeitgenosse und Betrachter unserer materiellen und geistigen Lebensverhältnisse auf die zuvor genannten Kritikpunkte Antworten zu finden.

 

Aufklärung im Ablauf der Geschichte

Es versteht sich von selbst, dass ich bei diesem Versuch auf geschichtliche Ereignisse und Zusammenhänge zurückgreifen muss. Wie jede geschichtliche Epoche ist auch die Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts kein in sich geschlossener Zeitabschnitt. Geistige Wegbereiter gab es schon in der griechischen Antike, bei den römisch-hellenistischen Stoikern und über tausend Jahre später in der Renaissance.

 

Wir wollen zunächst die unmittelbare Ausgangssituation, das Europa in der zweiten Hälfte des 17.Jahrunderts betrachten. Die Lebensverhältnisse wurden beherrscht von zwei Größen, nämlich der christlichen Religion und dem weltlichen dynastischen Absolutismus. Was die Religion betrifft, so möchte ich keine Gefühle verletzen, komme aber an der Erwähnung zeitgeschichtlicher Fakten nicht vorbei. Europa war auch im 17. Jahrhundert immer noch geprägt von den Folgen einer klerikalen Orthodoxie, die mit der ursprünglichen christlichen Botschaft der Nächstenliebe keinerlei Ähnlichkeit mehr hatte. Der Widerspruch zwischen froher Botschaft und Entartung ist heute kaum verständlich. Wir wissen zwar die herrlichen Kathedralen, die Schriften eines Thomas von Aquin, die an Aristoteles anknüpfen, und die noch heute bewunderten sakralen Kunstwerke zu würdigen. Andererseits hat das Christentum eine kaum tilgbare Hypothek auf sich geladen. Es gibt gute Gründe für die These, dass diese Geisel des aggressiven Alleinseligmachens, des Ausschließlichkeitsanspruches, eine Folge der monotheistischen Gottesvorstellungen war. die nach dem Judentum auch das Christentum und der Islam sich zu eigen machten. Das Bild Gottes wurde personifiziert durch das Dogma, er habe den Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen, ein Dogma, das trotz Evolutionstheorie bis heute aufrecht erhalten wird. Aus der Intoleranz der sogenannten Verkündiger und deren Nachfolger, beginnend mit den Kreuzzügen, entwickelte sich die bis dahin nie da gewesene Periode der Unmenschlichkeit gegenüber Andersgläubigen und Häretikem. Die Scheiterhaufen brannten schon im 13. Jahrhundert in Südfrankreich, später für die Hussiten und bei der spanischen Reconquista, der 30-jährige Krieg vernichtete in den deutschen Ländern das Leben fast eines Drittels aller Menschen. In Südamerika wurde im Zeichen des Kreuzes ein immenser Genozid und Raubzug durchgeführt, in Nordamerika geschah später kaum weniger Grausames. Man könnte die Beschreibung des Schreckens noch lange fortsetzen. Er war nicht nur klerikaler Fanatismus, sondern auch eine unheilige Allianz mit weltlichen absolutistischen Herrschern, die damit ihre Macht bereicherten. Die Finsternis der Unvernunft, mit der wir heute gewöhnlich das Mittelalter meinen, dauerte weit darüber hinaus bis ins 17. Jahrhundert,  ja selbst ins 18., als immer noch Hexen verbrannt wurden.

 

Das Verdienst für die Umkehr und Besinnung gebührt sicher zunächst den Reformatoren. Aber ich möchte anderthalb Jahrhunderte überspringen und gleich auf die Schriften eines Mannes kommen, der die Aufklärung schon auf ihrer ersten Stufe ganz maßgeblich beeinflusst hat. Der niederländische Philosoph Baruch de Spinoza widersprach entschieden dem überkommenen religiösen Bild vom persönlichen Gott. Er hatte die Vorstellung, dass Gott überall ist. Seinen Pantheismus, der sich weit über seine Zeit hinaus ausdehnte, zeigte der Satz "Gott ist Natur, Natur ist Substanz". Auch Spinoza war vom Scheiterhaufen bedroht. Sein geistiger pantheistischer Vorgänger Giordano Bruno hat ihn im Jahr 1600 tatsächlich erlitten.

 

Er war es auch, welcher der bis dahin herrschenden Instrumentalisierung Gottes für sehr profane Zwecke den Boden entzog und der Legitimität jener Potentaten widersprach, die angeblich auf Gottesgnadentum beruhte. Seine Vorstellung einer besseren Gesellschaftsordnung beschrieb er schon 1670 in seinem Theologisch-politischen Traktat. Hier finden wir die für die Gesellschaftslehre der Aufklärung bestimmende Idee, jeder Staatsbürger solle in einen Vertrag einwilligen, mit dem er seine persönliche Macht an die Gesellschaft delegiert und damit an die Regierung eines Gemeinwesens, ohne daß sein Naturrecht beeinträchtigt würde. Wir denken hier an die spätere Schrift Rousseaus über den contrat social, den Gesellschaftsvertrag.

 

Die frühe Aufklärung in England

Auf die Lehren Spinozas bin ich deshalb so gründlich eingegangen, weil sie die frühe Aufklärung in England stark beeinflußt haben. Dort setzte schon früh, vor allem mit den Schriften John Lockes, die Wende zu geistiger und geistlicher Befreiung ein, und dort fielen Spinozas Vorstellungen eines unpersönlichen Gottes und des Naturrechts der Menschen auf fruchtbaren Boden. Die Engländer hatten sich schon vorher als erste unter den europäischen Völkern politische Freiheiten erkämpft und damit ihr Selbstbewusstsein und ihren Wohlstand ständig vermehrt. Schon 1649 hatte Karl I. seinen Kampf gegen das Parlament unter Cromwell mit seinem Kopf bezahlt. Vierzig Jahre später -1688 -ereignete sich das, was die Engländer die "glorious revolution" - die ruhmreiche Revolution - nennen. nämlich die Absetzung der Stuart-Dynastie und die Declaration of Rights zugunsten des Parlaments; dies immerhin hundert Jahre vor der französischen Revolution.

 

Gegenüber dem Kontinent hatte England einen beträchtlichen Zeitvorsprung. Die englische Mentalität hatte sich frühzeitig zum nüchternen praktischen Tun und Denken hin entwickelt. Die englischen Philosophen dachten weniger abstrakt als empirisch. Sie suchten Erkenntnisse vor allem aus der Erfahrung, aus der tatsächlichen Anschauung zu gewinnen. In der anglikanischen Kirche, die den bisherigen Glauben zunächst beibehalten und sich erst allmählich reformiert hatte, war anstelle des römischen Papstes der Landesherr zum Oberhaupt bestimmt worden. Auf der anderen Seite war der Puritanismus durch seine nüchterne Strenge und seinen ethisch begründeten Fleiß bei der praktischen Arbeit gekennzeichnet. was für die erfolgreiche ökonomische Entwicklung des Landes von entscheidender Bedeutung war. Hierauf werden wir im Zusammenhang mit Max Webers Arbeit über die protestantische Ethik noch einmal zurückkommen.

 

"Das französische Jahrhundert"

Gehen wir einen Schritt weiter zur Aufklärung in Frankreich. Dort war man dem neuen Geist so aufgeschlossen, dass man vom französischen Jahrhundert sprechen kann. Bleibende Verdienste kommen den Enzyklopädisten zu, die erstmalig mit einer systematischen Sammlung und Niederschrift des damaligen Wissens wirklich Aufklärung im eigentlichen Sinne betrieben haben. Namen wie Diderot und d'Alembert sind hier eben so von bleibender Bedeutung wie ihre großen Landsleute Montesquieu, Voltaire und Rousseau. Ihr geistiges Vermächtnis ist bis heute in der freiheitlichen Mentalität der Franzosen und dem konsequenten Laizismus ihres Staates überliefert.

 

Kant als Höhepunkt der deutschen Aufklärung

Die französische Aufklärung stand in fruchtbarer Wechselbeziehung zu den deutschen Nachbarn, zu Persönlichkeiten wie Lessing, Mendelssohn und Kant. Dieser entwickelte in seiner Heimatstadt Königsberg ein philosophisches Lehrgebäude aus den Bausteinen Vernunft, Ethik und Ästhetik. Von seinem Aufsatz "Was ist Aufklärung" will ich einige Grundgedanken vorlesen. Er schreibt: "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbst verschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. „Sapere aude!"

 

Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung. Nach Kant sind Faulheit und Feigheit die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen hat, denn auch gern zeitlebens unmündig bleiben. "Es Ist so bequem, unmündig zu sein. Andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen. Zur Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit, und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die, von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen." Man sollte sich diese Sätze heute langsam auf der Zunge zergehen lassen, weil sie von beklemmender Aktualität sind. Nicht weniger aktuell ist Kants "moralisches Gebot in mir", das aus dem Gebrauch menschlicher Vernunft abgeleitet wird und unter dem Begriff "Kategorischer Imperativ" in die Philosophiegeschichte eingegangen ist.

 

Die Wirklichkeit des Bösen

Was ist aus diesen Postulaten geworden? An dieser Stelle, bei der Betrachtung der wirklichen politischen und gesellschaftlichen Ergebnisse, setzt die eingangs beschriebene zweite Kritik, die sozial-ethische an. Erlebte Wirklichkeit wurde schon früh die französische Revolution mit ihrem nachfolgenden Schreckensregiment der Guillotine und dem napoleonischen Imperialismus. Ob dahinter wirklich das Sendungsbewusstsein von aufgeklärten revolutionären Weltverbesserern stand oder aber einfach nur blanke Machtgier, sei dahingestellt. Jedenfalls haben diese Geschehnisse die Aufklärung gründlich diskreditiert. Keinesfalls sind sie in Einklang zu bringen mit den Idealen eines Voltaire oder eines Goethe, der ja, wie andere bedeutende deutsche Geistesgrößen auch, ein Bewunderer Napoleons war. So ist die anschließende Hinwendung zur in sich gekehrten Romantik eine erklärliche Reaktion. Sie hat aber in den europäischen Staaten durch und nach Metternich einen Nationalismus hervorgebracht, der mit aufgeklärter Toleranz wenig zu tun hatte. Ähnlichen Schaden richtete die frühenglische Industrialisierung an, die unter dem Begriff "Manchester-Kapitalismus" in die Wirtschaftsgeschichte eingegangen ist.

 

Warum sind solche Triebkräfte des Irrationalen stärker sind als die Wirkung menschlicher Ratio? Es ist die Frage, wie das Böse in die menschliche Natur kommt. Rousseau hat doch gesagt, der Mensch sei von Natur aus gut, solange seine Umgebung nicht durch Zäune begrenzt werde. Es gibt plausible Antworten. Eine davon heißt, der Mensch sei nicht böse, weil er das Böse liebe, sondern weil er in ihm nur die Vorteile und Genüsse liebe, die ihm hierdurch zufallen. Auf dieser Schiene lässt sich vielleicht auch der Trieb zu Habgier und Genusssucht erklären, und schließlich auch Freud mit seiner Theorie der verdrängten Triebe.

 

So entsteht aus aufgeklärtem Anspruch und Wirklichkeit tatsächlich ein Dualismus. Wir versuchen immer wieder herauszufinden, wohin er uns führt. Aber Prophetie hilft hier nicht weiter. Wir stehen vor der Wahl, unser Heute und unsere Zukunft optimistisch oder pessimistisch einzuschätzen. Hierzu zitiere ich zwei Sätze aus Horkheimers Schriften. Zunächst folgender: "Schopenhauer hat mit Recht die Lehre von der Erbsünde als tiefe Wahrheit akzeptiert. Durch das Verhalten in vielen Lebensbereichen wird sie jeden Tag aufs Neue bestätigt." (Ende dieses Zitats.)  Er schreibt in demselben Zusammenhang: "Pessimistisch ist meine Vorstellung in der Tat über die Schuld des Menschengeschlechts, pessimistisch in Bezug auf die Vorstellung, wohin die Geschichte läuft... Worin besteht aber der Optimismus, den ich mit Adorno, meinem verstorbenen Freunde. teile? Darin, dass man versuchen muss, trotz alledem das zu tun und durchzusetzen, was man für das Wahre und Gute hält. Und so war unser Grundsatz: theoretischer Pessimist zu sein und praktischer Optimist." (Ende des Zitats).

 

Denselben Gegensatz zwischen Gut und Böse beschreibt auch Kant. Aber bei ihm soll die Moral letzten Endes die Oberhand behalten. Seine Auffassung des Vernunftgebrauches als Quelle der Moral versteht er als Postulat, als Gebot, nicht als die Beschreibung einer Wirklichkeit. Er war nicht so weltfremd,  die Kräfte des Gefühls, des Willens und des Bösen zu ignorieren. So sagte er in einer Vorlesung: "Wenn ich durch den Verstand urteile, dass die Handlung sittlich gut ist, so fehlt noch sehr viel, dass ich diese Handlung tue, von der ich so geurteilt habe. Bewegt mich aber dieses Urteil, die Handlung zu tun, so ist das das moralische Gefühl. Urteilen kann der Verstand freilich, aber diesem Verstandesurteil eine Kraft zu geben, dass es eine Triebfeder werde, den Willen zu bewegen, die Handlung auszuüben, das ist der Stein der Weisen."

 

Die Kapitalismuskritik

Wir wollen uns dem dritten und letzten, aber vielleicht komplexesten Thema, der Kapitalismuskritik zuwenden. Heute ist der Begriff Kapitalismus vorwiegend negativ besetzt; seine Erscheinungen werden recht diffus kritisiert. Wenn heute eine politische Partei unter dem Namen "Kapitalistische Partei" gegründet würde, könnten wir auf ihre Kurzlebigkeit eine Wette abschließen. Das ist seltsam. Denn wir wissen sehr wohl, dass diese Wirtschaftsordnung zwar nicht soziale Unterschiede beseitigt, aber den breitesten Bevölkerungsschichten in unserer westlichen Welt großen Wohlstand beschert  hat. Ist das rational? Und was hat das mit Aufklärung zu tun?

 

Ich möchte die Frage anhand des berühmt gewordenen Aufsatzes betrachten, den der Soziologe Max Weber mit dem Titel "Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" erarbeitet hat. Streng wissenschaftlich definiert er zunächst den Begriff Kapitalismus, indem er ihn deutlich von dem gewöhnlichen Geldstreben unterscheidet. Folgt man seiner Differenzierung, so hat Kapitalismus nichts zu tun mit der ihm nachgesagten menschlichen Habsucht. Sicher ist dieser irrationale Trieb so alt wie das älteste Gewerbe und hat weder Ethik noch Moral. Im römischen Kaiserreich galt der Spruch "pecunia non olet" - Geld stinkt nicht -, als man eine Steuer auf die öffentlichen Toiletten erhob. Um Geld ging es im katholischen Ablasshandel, der doch für die Beteiligten so bequem war. Das hätte so bleiben können, wäre da nicht ausgerechnet der ehrliche Störenfried Luther gekommen, der sagte, man sei Gott nicht Geld, sondern ein möglichst sündenfreies Leben schuldig. Trotzdem blüht auch heute die Raffgier, begleitet von ihrer Ziehtochter, der Korruption, so gut wie eh und je, bei uns wie in den weniger kapitalistischen Gegenden der Welt.

 

Was ist nun aber der Unterschied zum Kapitalismus? Max Weber beginnt mir der statIstischen Feststellung, dass in Europa die protestantischen Länder sich in technologischer und ökonomischer Hinsicht deutlich besser entwickelt haben als die katholischen. Das ist uns durchaus geläufig. wenn wir das Wohlstandsgefälle zwischen Nord- und Südeuropa betrachten. Weber führt dies zurück auf die Umsetzung protestantischer Ethik in die Arbeitswelt, die vor der Aufklärung einsetzte und deshalb mit ihr zunächst nichts zu tun haben konnte. Die Voraussetzungen, die zu dieser Entwicklung geführt haben, sieht er in der religiösen Überzeugung der Calvinisten, der Reformierten und der Puritaner. Die ökonomisch am besten entwickelten Gebiete waren Genf im 16. und die Niederlande im 17. Jahrhundert. Die Menschen hatten eine asketische Lebensauffassung und strebten danach, sich schon auf Erden sich durch Arbeitsamkeit auszuzeichnen. Die calvinistische Lehre der göttlichen Vorherbestimmung deuteten sie so, dass diese Prädestination nicht nur transzendental war, sondern auch die diesseitige Berufswahl und der praktische Lebenserfolg der Menschen als Zeichen der Erwählung angesehen wurde. So entstanden aus religiöser Ethik Arbeitsfleiß, eine Berufsidee aus Berufung anstatt des heutigen Job-Denkens, eine rationale Arbeitsteilung und eine Arbeitsorganisation mit einer Kapitalrechnung, die von Unternehmern gestaltet wurde.

So war, wie Weber betont, eine rationale Lebensführung auf der Grundlage christlicher Askese und der Berufsidee die konstitutive Grundlage des modernen kapitalistischen Geistes in unserer westlichen Welt. Aktives Tun und Entsagung waren darin entscheidend, zugleich aber auch der Verzicht auf ein reines, schönes Menschentum. Denn wie der Puritaner Berufsmensch sein wollte und damit wirtschaftlich erfolgreich, so müssen wir es heute zwangsläufig sein. Weber schreibt wörtlich: "Indem die Askese die Welt umzubauen und in der Welt sich auszuwirken unternahm, gewannen die äußeren Güter dieser Welt zunehmende und schließlich unentrinnbare Macht über den Menschen, wie niemals zuvor in der Geschichte... Der siegreiche Kapitalismus... bedarf der Stütze (der Askese) nicht mehr. Auch die rosige Stimmung ihrer lachenden Erbin: der Aufklärung, scheint endgültig im Verbleichen, und als ein Gespenst ehemals religiöser Glaubensinhalte geht der Gedanke der Berufspflicht in unserem Leben um... Auf dem Gebiet seiner höchsten Entfesselung, in den Vereinigten Staaten, neigt das seines religiös-ethischen Sinnes entkleidete Erwerbsstreben heute dazu, sich mit rein agonalen Leidenschaften zu assoziieren. die ihm nicht selten geradezu den Charakter des Sports aufprägen." (Ende des Zitats)

 

Diesen eindrucksvollen Sätzen Webers ist eigentlich nur noch der Hinweis hinzuzufügen. dass bei ihm ganz dezidiert die Aufklärung nicht Ursache, sondern "Erbin" des Kapitalismus ist. Und wir können noch die hypothetische Überlegung anstellen, was Weber 80 Jahre später zu unserer globalisierten Finanz- und Wirtschaftswelt geschrieben hätte. Die Zwangsläufigkeit des Prozesses, den Weber beschreibt, lässt sich vielleicht durch einige wohlmeinende Versuche modifizieren, so durch Regeln eines gemäßigten Neoliberalismus oder einer sozialen Marktwirtschaft. Aber beseitigen lässt sie sich nicht.

 

Versuch einer Bilanz

Wo bleibt nach alledem die Schlussfolgerung? Mit einer einzigen Quintessenz oder Pointe kann ich das Thema nicht beenden, weil es einfach zu breit gefächert ist. Zu einigen Kritikpunkten habe ich im Lauf meiner Betrachtungen schon Stellung genommen. Aber ich will versuchen, das Thema Aufklärung mit einer kurzen, eher symbolischen Bilanz abzuschließen.

 

Auf der Aktivseite verdanken wir der Aufklärung Vermögensposten, die wir nach allem Gesagten gar nicht hoch genug einschätzen können. Es sind unsere bürgerlichen Freiheiten, unsere gesellschaftliche Chancengleichheit, unsere Offenheit für den Fortschritt, unsere Toleranz gegenüber anderen Kulturen und schließlich, trotz aller Kapitalismuskritik, der breite Wohlstand in unseren westlichen Industrieländern.

 

Auf der Passivseite gibt es uneingelöste Schuldposten. Es sind die nicht erfüllten Forderungen des Ausganges aus selbstverschuldeter Unmündigkeit, der Menschenliebe und der Brüderlichkeit. Ob das allgemeine Wohlstandsstreben unsere Gemüter dickfelliger gemacht hat oder was auch immer, -mit der sogenannten Spaßgesellschaft und ihrem überzogenen Individualismus begegnen uns gesellschaftliche Erscheinungen, die sich zwischen Brutalität und Schwachsinn, zwischen Eitelkeit und Infantilität bewegen. Neil Postman hat darüber sein Buch "Wir amüsieren uns zu Tode" geschrieben.

 

Was bleibt unterm Strich? Bleibt ein positiver Saldo auf der Vermögensseite, wenn wir beide Seiten bewerten? Unsere Bewertung lässt sich natürlich nicht in Zahlen objektivieren, sondern hängt von unseren ganz individuellen Einschätzungen ab.  Ich denke. die Vermögensposten stellen einen hohen Wert dar, den wir würdigen müssen. Die Schuldposten können wir weder politisch noch durch Gesetze tilgen. Menschenliebe und Brüderlichkeit lassen sich nicht einklagen. Aber wir können in unserem persönlichen Wirkungskreis, in unserem Arbeits- und Freundeskreis für eine vernünftige, ideologiefreie, menschlich anständige Gesellschaft eintreten und dürfen dabei die Tugend der Selbstkritik nicht verlieren.

 

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.